Veröffentlicht am 13. Juni 2026

Ein «Telefonat» aus Washington – und die beste KI der Welt ist weg

Gestern, am 12. Juni 2026, ist etwas passiert, das es so noch nie gab – und das jeden betrifft, der ausserhalb der USA mit künstlicher Intelligenz arbeitet.

Um 17:21 Uhr Ostküstenzeit erhielt Anthropic, eine der führenden KI-Firmen der Welt, ein Schreiben der US-Regierung. Berufung: nationale Sicherheit. Inhalt: Fable 5 und Mythos 5 – die derzeit leistungsfähigsten Modelle des Unternehmens, eine Klasse über allem, was öffentlich verfügbar ist – dürfen ab sofort von keinem einzigen «foreign national» mehr genutzt werden. Egal ob in Zürich, in London oder im Büro von Anthropic selbst. Sogar die eigenen ausländischen Mitarbeitenden sind ausgesperrt.

Wer kein US-Bürger ist, fliegt raus. Punkt.

Das praktische Resultat: Weil Anthropic Amerikaner und Nicht-Amerikaner im laufenden Betrieb nicht sauber trennen kann, musste die Firma die beiden Modelle kurzerhand für alle abschalten. Hunderte Millionen Nutzer. Innerhalb von Stunden. Weltweit.

Das Schreiben hinter dem Schalter: Anthropics offizielle Stellungnahme vom 12. Juni 2026 zur Anordnung der US-Regierung, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 zu sperren. Quelle: anthropic.com/news/fable-mythos-access
Das Schreiben hinter dem Schalter: Anthropics offizielle Stellungnahme vom 12. Juni 2026 zur Anordnung der US-Regierung, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 zu sperren. Quelle: anthropic.com/news/fable-mythos-access

Das ist das eigentlich Brisante

Ein Schreiben genügte.

Kein Gesetz. Kein Verfahren. Keine Anhörung. Kein nachvollziehbarer technischer Beleg. Das Schreiben, so Anthropic selbst, habe keine konkreten Details zur angeblichen Bedrohung enthalten. Mündlich sei von einer Methode die Rede gewesen, mit der sich die Schutzmechanismen von Fable 5 «aushebeln» liessen – ein sogenannter Jailbreak.

Und worum geht es bei diesem Jailbreak? Man bittet das Modell, einen Programmcode zu lesen und Softwarefehler zu beheben. Also exakt das, was Sicherheitsfachleute weltweit jeden Tag tun. Exakt das, was – laut Anthropic – auch OpenAIs GPT-5.5 und andere frei verfügbare Modelle problemlos können, ganz ohne Trick.

Auf dieser Grundlage wurde das nach eigener Einschätzung sicherste je veröffentlichte KI-Modell für die halbe Welt vom Netz genommen.

Worum es wirklich geht

Hier zeigt sich zum ersten Mal in aller Deutlichkeit, was viele lange nur vermutet haben: Die US-Regierung hat einen direkten Draht in die Maschinenräume der amerikanischen KI-Konzerne. Sie kann – über Nacht, ohne öffentliches Verfahren, gestützt allein auf das Schlagwort «nationale Sicherheit» – bestimmen, wer Zugang zur Spitzentechnologie hat und wer nicht.

Und wir, ausserhalb der USA, gehören bei Bedarf zur zweiten Kategorie.

Für jeden, der in Europa auf amerikanische KI setzt – in der Klinik, im Unternehmen, in der Verwaltung – ist das ein Weckruf. Es geht nicht um ein einzelnes Modell. Es geht um die Frage, wer den Stecker hält. Heute ist es Fable 5. Was ist es morgen?

Anthropic wehrt sich, nennt die Anordnung ein «Missverständnis» und will den Zugang so rasch wie möglich wiederherstellen. Das Unternehmen verlangt zu Recht ein Verfahren, das transparent, fair und technisch begründet ist – und stellt fest, dass diese Anordnung genau das nicht war. Anständig. Aber es ändert nichts am Grundbefund: Der Schalter liegt in Washington. Und er wurde umgelegt.

Digitale Souveränität ist kein Schlagwort für Sonntagsreden

Sie ist die ganz konkrete Frage, ob ein behördliches Schreiben aus einem anderen Kontinent genügt, um uns von Werkzeugen abzuschneiden, die wir täglich nutzen – ohne dass wir gefragt werden, ohne dass wir uns wehren können.

Gestern um 17:21 Uhr hat sich diese Frage zum ersten Mal ganz praktisch gestellt. Die Antwort sollte uns zu denken geben.

Neues Buch, neuer Blog? Erfahren Sie es zuerst!

Registrieren Sie sich und erhalten Sie eine Benachrichtigung, sobald ein neues Buch, ein Blog-Beitrag oder eine Podcast-Folge erscheint.

Benachrichtigen bei

Ein «Telefonat» aus Washington – und die beste KI der Welt ist weg | Beat W. Meier